Über ein Tal, von dem ich lange geträumt habe, eine Nacht in Rilkes Palazzo – und darüber, wie ein paar Blumen einen strengen alten Saal verwandeln können.
Ein lang gehegter Wunsch
Es gibt Orte, die begleiten uns, lange bevor wir sie betreten. Das Bergell war für mich so ein Ort. Ein schmales Tal in Graubünden, gleich an der Grenze zu Italien, von dem ich immer wieder gelesen und geträumt hatte.
In diesem Herbst bin ich endlich hingefahren. Nur für eine sehr kurze Zeit, aber mit einer klaren Absicht: Ich wollte Atmosphäre schnuppern. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, durch die alten Dörfer zu gehen. Und ich war neugierig, ob dort noch etwas spürbar ist vom Alten. Spürbar für mich.
Durch die alten Dörfer
Soglio liegt auf einer Sonnenterrasse hoch über dem Tal. Gegenüber ragen die Granitzacken der Sciora in den Himmel, unten zieht sich eine Mauer aus aufgeschichteten Steinen. Die Häuser tragen schwere Dächer aus Steinplatten, die Gassen sind schmal und gepflastert.
Und ja, es ist spürbar. Nicht laut, nicht als Kulisse, sondern leise. Die Zeit scheint hier ein wenig stehen geblieben zu sein. Man geht langsamer, ohne es zu merken. Und das Wetter hätte in diesen Tagen nicht schöner sein können: klares Licht, blauer Himmel, Sonne auf den Gipfeln.
Eine Nacht im Palazzo Salis
Für eine Nacht habe ich im Palazzo Salis gewohnt. Ein weißes Patrizierhaus mit graublauen Fensterläden, steinernem Portal und Balkonen, die aussehen, als hätten sie schon vieles gesehen. Im Sommer 1919 hat hier Rainer Maria Rilke gewohnt.
Dieser Gedanke hat mich begleitet. Durch dieselbe Tür zu gehen, dieselben Treppen hinauf, in Räume, in denen er gelesen und geschrieben hat.
Vielleicht ist es genau das, was ich gesucht hatte.
Kastanien, ganz ohne Weihnachtsmarkt
Im Herbst liegen sie überall: glänzende, rotbraune Kastanien zwischen Laub und Granit. Im Bergell waren sie lange ein Grundnahrungsmittel, das „Brot der Armen“. Ich kannte sie bisher fast nur geröstet, aus der Tüte auf dem Weihnachtsmarkt.
Also habe ich mir etwas gegönnt. Ein wunderbares Essen, auch aus Neugier: Wie schmecken Kastanien, wenn jemand sie mit Sorgfalt zubereitet? Die Antwort lag auf meinem Teller – warm, ein wenig süß, nussig und überraschend fein.
Was Blumen mit einem Raum machen
Am meisten berührt hat mich der alte Saal. Weiße Gewölbe, ein mächtiger Kamin aus grauem Stein, ein Ahnenbild im goldenen Rahmen. Ein Raum, der streng und kühl wirken könnte.
Doch auf jedem Tisch standen Blumen. Die Hotelchefin arrangiert sie selbst, und man sieht es:
Kosmeen in Rosa und Weiß
dunkelrote Dahlien
Hortensien, die schon in ihre Herbstfarben übergehen
Diese bunten Farben haben den ganzen Raum verändert. Aus einem ehrwürdigen Saal wurde ein Ort, an dem man gern Platz nimmt.
Im Feng Shui sagen wir: Blumen bringen lebendiges Chi in einen Raum. Hier konnte ich spüren, was damit gemeint ist. Das Alte und das Lebendige saßen am selben Tisch.
Was bleibt
Es sind oft die kleinen Dinge, die bleiben. Ein Teddy aus Cord auf einem alten Kinderstuhl, davor eine Sonnenblume und zwei Dahlien im Einmachglas.
Meine Zeit im Bergell war kurz. Aber ich habe gefunden, wonach ich gesucht hatte: Das Alte ist dort noch spürbar. Und es wird lebendig, wo jemand es mit Sorgfalt pflegt – mit Blumen auf dem Tisch.
Welcher Ort wartet schon lange auf dich?
Und was macht einen Raum für dich lebendig?
Manchmal genügt eine kleine Veränderung, damit ein Raum vom Ehrwürdigen zum Einladenden wird. Wenn du herausfinden möchtest, was dein Zuhause lebendiger macht, schauen wir gemeinsam hin.
Kostenfreie Beratung anfragenQuelle: Rilke-Korrespondenz aus dem Jahr 1919, Schweizerisches Literaturarchiv